muckich.

Ich muss jetzt auch was dazu schreiben, sonst platze ich!

von Mama
am 07.09.2015 11:57

Seit Tagen schleiche ich um diesen Beitrag herum. Natürlich habe auch ich etwas dazu zu sagen und mir ist das unglaublich wichtig. Nur fehlt mir leider momentan die Zeit, und so lese ich andere Blogbeiträge, Zeitungsartikel, die (oft) furchtbaren Kommentare auf Facebook, höre Nachrichten in Radio oder Fernsehen, lese die Tageszeitung. Das Thema, um das es immer und immer wieder geht, sind Flüchtlinge. Die "Flüchtlingswelle", die "Flüchtlingskrise" oder wie auch immer die aktuelle Situation betitelt wird. 

In meinem Kopf ist meine Meinung, mein Entsetzen, es formen sich Sätze, ich habe aber so viel im Kopf, was ich eigentlich sagen möchte, dass ich es gar nicht im Worte fassen kann. Trotzdem möchte ich es einfach versuchen, denn heute morgen ist das Fass übergelaufen.

Ich las einen aktuellen Artikel in der Welt, einen Kommentar, eine Meinung. die ich größtenteils teile. Leider konnte mein Finger sich nicht beherrschen und klickte anschließend auf die Kommentare. Und wieder einmal empfinde ich einfach nur Entsetzen. Tenor der meisten Kommentare: "Wieso sollen wir für unsere Geschichte büßen? Wir sind doch nach dem Krieg geboren, wir haben doch keine Schuld daran, was Adolf Hitler getan hat." Nein, das haben wir nicht. Aber wenn wir nicht aufpassen, machen wir uns schuldig an etwas, das vielleicht noch viel schlimmer ist!

Ich kenne mich nicht aus mit Politik. Aber ich kenne mich aus mit Menschen. Und mit Menschlichkeit. Wie kann man solch unmenschliche Kommentare verfassen?! Das entsetzt mich nicht nur, das verursacht große Übelkeit in mir und tut mir fast körperlich weh.

Wie kann man behaupten, nicht schuldig zu sein, wenn das eigene Land seit Jahren Waffen in eben diese Kriegsgebiete liefert, aus denen die Menschen jetzt flüchten? Und noch etwas weiter ausgeholt: Wie kann man behaupten, nicht schuld zu sein am Elend der Welt, wenn man im 3-Euro-T-Shirt von KiK & Co. herumläuft? Wie kann man behaupten, ein reines Gewissen zu haben, wenn man den billigen Kaffee aus dem Discounter kauft? Die Menschen aus Syrien und anderen Bürgerkriegsgebieten sind so voller Verzweiflung, dass sie unendlich große Strapazen auf sich nehmen, weil sie noch immer die Hoffnung nicht aufgegeben haben, hier Hilfe zu finden. Wir müssen sie mit ausgebreiteten Armen aufnehmen! Und ich bin darüber hinaus der Meinung, dass es noch viel mehr Menschen auf dieser Welt gibt, denen wir helfen müssen! Sie alle hätten ebenso viele Gründe, flüchten zu wollen. Aber vielleicht gar nicht die Möglichkeit. Weil sie nämlich in Textilfabriken eingesperrt werden. Weil noch weiter weg von jeder Zivilisation in Dörfern leben, aus denen es kaum ein Entkommen gibt. Sie arbeiten unter schlechtesten Bedingungen, mit Farben voller Schadstoffe ohne Schutzkleidung, auf Kaffee- oder Teeplantagen, bis zur völligen Erschöpfung, für einen Hungerlohn. Damit wir uns hier den ganzen Luxus leisten können. Und solche Menschen, falls sie es doch schaffen, zu uns zu kommen, bezeichnet man als "Wirtschaftsflüchtlinge"?! Weil sie der Armut, dem Elend, dem Hunger entkommen wollen? Ist das nicht völlig legitim? Anstatt sie als "Schmarotzer" oder noch mit schlimmeren Ausdrücken zu betiteln, müssen wir uns darum kümmern, dass es ihnen dort gut geht, wo sie leben. Dass sie Zugang zu Bildung haben, dass sie anständig bezahlt werden und ihre Arbeitsbedingungen erträglich sind! Wir leben auf deren Kosten, seit Jahren, wie kann man denn davor die Augen verschließen?

Welcher Rassist trägt denn Kleidung, die ausschließlich in Deutschland produziert wurde? Welcher Nazi kauft fair gehandelten Kaffee, damit niemand aus seinem Land fliehen muss? Alle "Ich bin ja kein Nazi, aber..." und "Ich hab ja nichts gegen Flüchtlinge, aber..."-Sager: Haltet doch einfach den Mund und kehrt vor eurer eigenen Haustür! Was tut ihr denn für die Gesellschaft, außer Parolen nachzuplappern? Wer engagiert sich ehrenamtlich? Es wird so oft geschrieben (im Internet ist ja alles so schön anonym) oder hinter vorgehaltener Hand gesagt, dass die Flüchtlinge ja Geld bekommen, dass eigentlich "den Deutschen" zustehe. Dass man sich doch lieber um die Obdachlosen kümmern solle. Wer von euch war denn schon mal in einem Obdachlosenheim und hat sich ein Bild gemacht, sich mit den Menschen unterhalten. ihnen Zeit und Aufmerksamkeit geschenkt? Wer von euch engangiert sich in Suppenküchen, Tafeln, Kleiderkammern? Ja, jetzt habe ich auch Vorurteile. Ganz genau. Bitte, überzeugt mich vom Gegenteil! 

Ebenfalls seit Tagen überlege ich, wie ich mich in der Flüchtlingshilfe engagieren kann. Es scheint hier in meiner Stadt noch schleppend zu laufen, die Freiwilligen zu koordinieren. Ich habe schon einige andere (Ehren)ämter, die neben Arbeit und Kindern Zeit kosten. Ich laufe die ganze Zeit mit einem schlechten Gewissen herum, es zerreisst mich innerlich. Das ist auch nicht gut. Darum habe ich beschlossen, klein anzufangen. Heute morgen habe ich mit meinen Kindern über die Flüchtlingssituation gesprochen. Ihnen erklärt, dass auch in unserer Stadt Menschen untergebracht werden, die oft nichts haben, als das, was sie am Leib tragen. Dass viele Kinder dabei sind. Sie waren sofort bereit, sich von Kuscheltieren und Spielzeug zu trennen. Unser Keller ist voll von Kinderjacken, die meinen zu klein sind. Bisher habe ich sie an meine Schwägerin weitergegeben, die jüngere Kinder hat. Ich bin mir sicher, wie wird nicht zwei, drei oder sogar vier Jacken für ihre Kinder brauchen sondern sofort einverstanden sein, wenn ich einige der Jacken abgebe. Und genau damit fange ich jetzt an. Reden und schreiben ist wichtig. Den Hasskommentaren Paroli bieten. Ich werde es auch nicht müde, bei Facebook Beiträge zu melden, auch wenn Facebook sie bisher leider alle für "harmlos" hielt. (Zum Glück sind das alles Beiträge aus Gruppen, in denen ich Mitglied bin, oder Kommentare unter Zeitungsartikeln, aber bisher kein einziger von Personen, mit denen ich befreundet bin. An dieser Stelle mache ich wohl einiges richtig, danke euch dafür!). Ich mache auch im Privatleben kein Geheimnis aus meiner Meinung. Aber den Worten müssen auch Taten folgen. Deswegen gehe ich jetzt in den Keller und fange einfach mal an, Kinderjacken und Kuscheltiere zu sortieren und zu waschen. Macht es mir nach.

Unter "Blogger für Flüchtlinge" ist eine Initiative entstanden, an der sich bereits viele Blogger beteiligt haben. Nun bin auch ich ein Teil davon und das ist gut so. Ihr könnt dort für Flüchtlinge spenden, wenn ihr keine Zeit habt, euch persönlich zu engagieren. Oder ihr macht einfach beides. Oder sortiert, ebenso wie ich, eure Kleiderschränke aus. Wendet euch an die regionalen Flüchtlingshilfeeinrichtungen oder Koordinationtsstellen. Schenkt Menschen, denen ihr in der Stadt begenet, ein Lächeln. Das gibt Sicherheit. "You are safe now". Wer es schafft, auch nur einen Bruchteil dieses Gefühls zu vermitteln, der hat etwas Großes getan. Danke für eure Aufmerksamkeit. 

 

P.S. Ich würde gerne noch so viel mehr schreiben. Mir ist aber bewusst, dass der Text dann zu lang wird und ihn keiner mehr liest. Außerdem wurde schon so viel Gutes dazu geschrieben. Eine kleine Auswahl hier: