muckich.

Tue Gutes und rede darüber.

von Mama
am 24.09.2015 12:14

Dies ist ein sehr bekanntes Zitat, dessen Inhalt häufig kontrovers diskutiert wird. Ist es nicht einfach wichtig, Gutes zu tun? Muss man das auch noch in alle Welt herausposaunen und sich damit profilieren? Ich sage: jein. Jemand, der nur davon spricht, um geschäftlichen Nutzen daraus zu ziehen oder sich selbst einfach in einem guten Licht darstellen will, macht dies vielleicht aus nicht ganz so edlen Motiven heraus. Ich glaube aber, dass das die Wenigsten sind. Und alle anderen sollten sehr wohl darüber reden!

Es engagieren sich unglaublich viele Menschen ehrenamtlich. Ohne das würde die Gesellschaft so, wie sie ist, gar nicht funktionieren. Ob als Trainer im Sportverein, als Elternbeirat im Kindergarten, als Kassenwart im Schulverein oder als Ehemaliger im Schulförderverein, ob als Foodsharer, als Begleitung im Hospiz oder Helfer bei Behördengängen und jetzt ganz aktuell auch bei der Versorgung, Unterbringung und Integration von Flüchtlingen - es gibt unzählige Aufgaben, die von Menschen unentgeltlich in ihrer Freizeit ausgeführt werden. Dankeschön dafür, an jeden einzelnen!!

Ich finde es wichtig, dass darüber geredet wird. Denn es werden ständig und überall noch mehr helfende Hände gebraucht und gesucht. Jeder, der schon dabei ist, kann und sollte auf jeden Fall davon erzählen. Um zu informieren, was eigentlich dahinter steckt, wenn ein Mädchen z.B. für einen recht günstigen Beitrag im Tanzverein mitmachen kann. Um zu begeistern und mitzureißen, andere dafür zu interessieren! Firmen und Konzerne nennen so etwas einfach "Öffentlichkeitsarbeit". 

Das ist auch der Grund, warum ich euch heute von meinem gestrigen  Einsatz in einer Flüchtlingseinrichtung erzählen möchte. Einer der Gründe. Ein weiterer ist der, dass ich in den letzten Tagen und Wochen so viel Neid, Missgunst und Vourteilen begegnet bin. Nicht in meinem Privatleben. Scheinbar habe ich mir sehr gut ausgesucht, mit wem ich befreundet und bekannt bin! :-) :-* 

Nein, hauptsächlich in Kommentarspalten unter Zeitungsartikeln direkt oder eben auf Facebook. So viel, dass ich schlecht geschlafen und geträumt habe. So sehr, dass mich das unglaublich aufgewühlt und beschäftigt hat. Letztendlich hat es mich aber auch dazu angetrieben, es anders zu machen, aktiv zu werden, wenn auch nur in kleinem Rahmen. So, wie es mir halt möglich ist, ohne mich neben Arbeit, Familie mit Kindern und anderen ehrenamtlichen Aufgaben total zu verausgaben. 

Was mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, war der Vorwurf einer Kommentatorin, die sich darüber beklagte, dass "die" (Flüchtlinge) bald im schönen Neubau wohnen, während sie im Altbau sitzt. Unter einem Artikel, in dem berichtet wurde, dass hier in Solingen bald ein "Flüchtlingsdorf" für 600 Personen errichtet werden soll, mit Häusern in "Messebauweise". Hätte man diesen oder auch noch den darauf folgenden Artikel etwas gründlicher gelesen, wäre man schnell auf Folgendes gestoßen: Es werden Zelte in Messebauweise errichtet, das bedeutet, dass sie einen festen Boden und feste Wände haben, damit sie auch beheizt werden können. Jedes Zelt fasst 200 Personen. Sanitäranlagen, Kinderbetreuung und evtl. Unterricht mit Deutschkursen gibt es in Containern. Jetzt frage ich mich ernsthaft: ist jemand mit eigener Wohnung im Altbau, trockenen Wänden und einer Zentralheizung neidisch auf einen Platz in einem 200-Mann-Zelt mit null Privatsphäre, bei dem man bei jeden Wetter erstmal draußen zum nächsten Container laufen muss, wenn man sich duschen oder zur Toilette gehen möchte? Was stimmt mit solchen Leute nicht? Es ist mir unbegreiflich.

Ich war also gestern bei meinem ersten Einsatz in einer neu eröffneten Flüchtlingsunterkunft, einer Turnhalle. Die Menschen hätten eigentlich schon seit ein bis zwei Tagen da sein sollen, trafen aber erst gerade zu meiner Einsatzzeit ein. Zunächst 50 Leute in zwei Etappen, die nächsten Tage werden es noch mehr, die Turnhalle enthält 120 Betten. Das bedeutet genau: Es liegen auf dem Boden aufgereiht 120 Matratzen mit (zum Glück freundlich buntem) Bettzeug. Nebeneinander, ohne Wand dazwischen, ohne jegliche Privatsphäre. Kaum Platz, eine Tasche daneben abzustellen. In der Mitte Biertischgarnituren, für die Mahlzeiten oder einen Tee. Einzige Möglichkeit zum Sitzen. Sanitäranlagen wie in einer Turnhalle halt. Duschen vorhanden, wenige Toiletten. 

Das warme Mittagessen, das wir eigentlich austeilen sollten, war noch nicht da, es gab aber Brot, Eier, Tomaten, Aprikosen, Honig, Margarine, Schmelzkäse, Käse und Wurst. Alles einzeln verpackt, selbst die Brotscheiben. Pappteller und Plastikbesteck. Die ersten Gäste nahmen das gerne an, besonders beliebt waren Eier und Tomaten. Wurst und Käse wurden zunächst nicht beachtet, bis anfing, beim Verteilen pantomimisch darzustellen, dass es sich um reine Geflügelwurst handelte. Ich flatterte also flügeschlagend mit den Armen. Sah bestimmt komisch aus, aber so brach auch das erste Eis und wir lachten gemeinsam. 

Wenig später kam eine der Hauptamtlichen, um meine Nachbarin und mich um Hilfe zu bitten, da wir Krankenschwestern sind. Es waren zwei Menschen eingetroffen, die zuvor schon zur Untersuchung im Krankenhaus waren. Sie hatte zwei Bögen mit medizinischen Informationen und zwei Rezepte. Ich konnte das Medizinische zunächst übersetzen und dann berieten wir gemeinsam, wie man nun an die Medikamente kommen könnte (es war Mittwochnachmittag, da haben die meisten Apotheken geschlossen) und welche Scheine es braucht, damit der erkrankte Junge am nächsten Morgen zur Wiedervorstellung ins Krankenhaus fahren könnte. (Im weiteren Verlauf brachte jemand sowohl die Medikamente, als auch die Taxischeine, die wir dann aber vordatieren mussten, weil der 13-jährige solche Schmerzen hatte, dass wir ihn noch am selben Tag wieder ins Krankenhaus schicken mussten. Heute habe ich schon mehrmals an in gedacht - wie es ihm wohl geht?) Zum Glück war ein arabisch sprechender ehrenamtlicher Helfer vor Ort, der bei der Übersetzung helfen konnte, sowohl, wie die Medikamente eingenommen werden sollten, als auch, dass ich ein Taxi bestellt habe, das den Jungen wieder zum Arzt bringen würde.

Heiß begehrt waren Steckdosen, um Handys aufzuladen. Leider gibt es in dieser Turnhalle nur sehr wenige davon. Ich hoffe, dass es in den nächsten Tagen möglich ist, ein paar Mehrfachsteckdosen dort zu installieren. Ein Handy ist für die Menschen die einzige Möglichkeit, mit ihren Familien in Kontakt zu bleiben, die entweder im Heimatland geblieben sind oder die sie auf der Flucht aus den Augen verloren haben. Ein gehörloser Mann erzählte einer Gebärden-Dolmetscherin, dass sein Handy kaputt sei. Er hat seine Familie zum letzten Mal auf dem Meer in einem Schlauchboot gesehen. Ich habe sofort eine Suchanfrage in der Solinger Facebookgruppe "Flüchtlinge in Solingen | Wir helfen!" gestellt und erfreulicherweise hat sich bereits jemand gemeldet. Sie wird ein Handy, das sie übrig hat, direkt in der Einrichtung abgeben. Dankeschön! Bitte beachten: Dies ist eine Ausnahme und solche speziellen Dinge solten / können beim Security-Service abgegeben werden. Generell wird es nicht gerne gesehen, dass Spenden (bis auf konkrete Aufrufe wie z.B. bei Sanitärartikeln) direkt in den Einrichtungen abgegeben werden, es gibt ja auch gar keine Lagerungskapazitäten. Hierfür stehen mehrere andere Möglichkeiten zur Verfügung, die Stefanie Leo für Solingen aufgelistet hat und auch aktuell hält: "Willkommen in Solingen"

Der Tag gestern war ansonsten geprägt von Menschen, die erstmal ankommen und aufatmen. Sich zurechtfinden müssen. Kinder rannten durch die Halle und tobten teilweise durch die Betten. Sie spielten mit Seifenblasen und warfen improvisiert Tempopackungen durch die Basketballkörbe. Jede Person bekam Duschgel, Zahnbürste, Zahnpasta & Co. und ein Handtuch zur Verfügung gestellt, viele nutzten dies, um erstmal duschen zu gehen. Einige fragten nach Möglichkeiten, um Kleidung zu waschen. Dafür gab es zunächst nur die Lösung, in einem Eimer zu waschen und dafür Haarshampoo zu benutzen. In den nächsten Tagen soll noch ein Container mit Waschmaschinen installiert werden. Sprossenwände wurden umfunktioniert, indem Kleidung daran aufgehängt wurde. Es war eine insgesamt sehr angenehme, ruhige und freundliche Atmosphäre, ich habe mich sehr wohlgefühlt.

Später, erst gegen 15 Uhr am Nachmittag, traf dann auch der Caterer mit dem warmen Mittagessen ein, das wir verteilen sollten. Da die zeitliche Koordination am ersten Tag wohl noch etwas hinkte, waren einige Menschen schon unterwegs oder hatten sich schon sattgegessen, einige freuten sich aber auch über die warme Mahlzeit. Alles ist abgepackt, es kann nur mit Einmalgeschirr und -besteck sowie Plastikbechern gearbeitet werden. Jeder war darauf bedacht, seinen Platz ordentlich zu hinterlassen und räumte den zwangsläufig übrigbleibenden Abfall selbst weg (nicht, dass ich daran gezweifelt hätte, ich erwähne es nur nochmal gerne für diejenigen, die sich von gefälschten, zweckenfremdeten Bildern von Unrat und Abfall mit gefakter, hetzerischer Beschriftung im Internet blenden lassen). 

Ich bin sehr gespannt, wie es nun weitergeht. Wie lange die Personen dort untergebracht bleiben, bevor sie woanders unterkommen. Ich frage mich, wie und wie lange man es aushält, mit 120 Menschen gemeinsam unter einem Dach dicht an dicht zu leben. Eine Frau ist in der 39. Woche schwanger, sie wird bald ihr Baby bekommen. Wird sie das Neugeborene dort versorgen müssen? Oder findet man rechtzeitig eine andere Möglichkeit für diese Familie? Wie können die Menschen sich beschäftigen, um nicht verrückt zu werden? Zum Glück ist direkt gegenüber ein kleiner Park mit Spielplatz, sicher von unschätzbarem Wert für die Kinder! Und ich bin froh, ein Teil davon sein zu dürfen, ich freue mich, wenn ich weiter helfen kann. Daher habe ich auch eben eine E-Mail verfasst, um mitzuteilen, an welchen Stellen ich Lücken im Schichtplan füllen kann. 

Positiver Nebeneffekt war übrigens noch, dass der Mitarbeiter von der Stadt, der die Taxi-und Krankenbehandlungsscheine brachte, ein ehemaliger Freund von den Pfadfindern ist! Lieber Martin, schön, dich wiedergetroffen zu haben! Und wie schön, dass du "jeden Tag eine gute Tat" so zu deinem Beruf gemacht hast! <3

In diesem Sinne: Gut Pfad! Wir sind auf einem Weg, von dem noch keiner genau weiß, wo er hinführen wird. Aber es ist der richtige Weg.