muckich.

Überflieger?

von Mama
am 07.06.2016 21:18

Weil wir es jetzt endlich auch schriftlich haben, erzähle ich heute von Alex, der kürzlich eine Klasse übersprungen hat. Und wie das so ist, mit Vorurteilen, Sorgen, Bedenken und dem Vertrauen der Eltern ins eigene Kind.

Wieder einmal natürlich eine Entscheidung, die wir uns absolut nicht leichtgemacht haben. Kurz zur Vorgeschichte: Er ist ja schon früher eingeschult worden, mit gut fünf Jahren. Da hatte er sich bereits selbst das Lesen beigebracht. Im ersten Schuljahr war aber eigentlich noch alles in Ordnung, denn auch wenn der Stoff in der Schule ihm leicht fiel, war er gut damit ausgelastet, sich in den Schulalltag hineinzufinden. All solche Feinheiten wie z.B. ein verlorenes Radiergummi, zwischen zwei Unterrichtsstunden den Raum zu wechseln, daran zu denken, den Sportbeutel mitzunehmen und viele weitere Kleinigkeiten haben ihn sehr beschäftigt. Anfangs eine Katastrophe, die Tränenausbrüche zur Folge hatten, hat er im ersten Schuljahr gelernt, souverän damit umzugehen, sich getraut, andere Kinder oder Lehrer bei Unklarheiten zu fragen (und sei es auch nur, um sich einen Stift auszuleihen). Wow, und zum Schluss hat er dann sogar täglich allein (also mit einem Nachbarskind, aber ohne Mama) den Schulweg bewältigt. Er ist in diesem ersten Jahr nochmal richtig gereift und "groß" geworden. 


"Warum soll ich das denn nochmal machen? Das haben wir doch schon in der Schule gemacht!"

Gegen Ende des ersten Jahres zeichneten sich bereits erste Probleme ab. Wir stritten wegen der Hausaufgaben. Er sah nicht ein, dass er das alles nochmal machen sollte, was er doch schon in der Schule gelernt hatte. Unter Anderem dank professioneller Unterstützung konnten wir das noch eine Weile ganz gut überbrücken und hatten auch mit der Klassenlehrerin mehrfach gesprochen, um ihr das zu erklären. Sie stand nämlich auf dem Standpunkt: "Wenn du das alles schon kannst, dann mach doch die Aufgaben schnell. Und dann bekommst du von mir noch andere Zusatzaufgaben." Aber genau das ist leider der Knackpunkt bei einem hochbegabten Kind. "Mal eben schnell" funktioniert bei für ihn langweiligen Inhalten gar nicht. Und warum sollte er denn mehr arbeiten, als alle anderen?! Er ist doch nicht blöd. Dass sie die Aufgaben nicht zusätzlich hätte geben sollen, sonden gegeneinander austauschen besser gewesen wäre, hatten wir versucht zu erklären. 

Ohne das in die Länge zu ziehen - aus verschiedenen Gründen klappte eine intensivere Förderung in der bestehenden Klasse leider nicht, weswegen wir schweren Herzens doch einen Klassensprung erwägten. In der Zwischenzeit hatten wir mit ihm einen IQ-Test machen lassen, um in Verbindung mit dem dazugehörigen Gutachten einfach nochmal eine bessere Gesprächsgrundlage zu haben. 

Das Gespräch mit Klassenlehrerin und Direktorin war angenehm. Leider teilten sie uns mit, dass sie die vorzeitige Versetzung zur Probe zwar befürworten würden, dass er dafür aber nicht in die höhere Klasse "seiner" Schule gehen könne (diese Kinder hätte er alle gekannt), sondern auch noch den Betriebsteil wechseln müsse. Dafür benötigten wir alle zusammen noch Bedenkzeit während der Osterferien, bis wir mit ihm gemeinsam zum Entschluss kamen, es wenigstens mal auszuprobieren. 

Ein glücklicher Zufall wollte es, dass eine meiner lieben Arbeitskolleginnen ihren Sohn in genau der Klasse hatte, die Alex besuchen würde und auch sofort bereit war, sich mit uns zu treffen. In der Woche vor dem Wechsel verbrachten wir also einen sehr schönen Nachmittag zusammen und die beiden Jungs verstanden sich auf Anhieb prima! So hatte Alex schon einen ersten Anlaufpunkt und war nicht ganz fremd am ersten Schultag. (Danke!)

Hier kommt jetzt mittags ein fröhlich hüpfendes Kind nach Hause

Auch von der neuen Klassenlehrerin (die Alex noch als Mutter aus dem Kindergarten kannte) wurde der Wechsel gut begleitet. Sie hatte die Klasse schon darauf vorbereitet, sie hatten schon gemeinsam einen Platz für ihn ausgesucht und er bekam ein Kind an die Hand, das ihm alles erklärte. Denn es waren sowohl die Räumlichkeiten als auch einige organisatorische Begebenheiten neu, wie zum Beispiel, dass die Hausaufgaben anders aufgeschrieben werden, als vorher. Es ist unglaublich: seit dem ersten Tag kommt hier mittags ein fröhlich hüpfendes Kind nach Hause! Eine bessere Bestätigung, dass dies der richtige Schritt war, gibt es ja kaum! Denn meine Sorgen galten eher dem sozialen Umfeld, dass er in der Klassengemeinschaft gut zurechtkommt und sich wohlfühlt. Das Vertrauen, dass er das inhaltlich schafft, hatte ich immer in ihn. 

Reaktionen

Die Reaktionen anderer Eltern sind natürlich wieder mal gut gemischt. Von "Ach, ist der so ein Überflieger?!" über "Naja, jeder muss ja selbst wissen, was für sein Kind gut ist." bis zu "Und was soll er dann machen, wenn er so früh Abi hat?!" ist alles dabei. Zur Erklärung - ja, wir wissen was für unser Kind gut ist. Und es wird immer ein Kompromiss sein, ein Kind in eine Klasse zu schicken, in der es zwei Jahre jünger ist als die anderen. In unserem Schulsystem gibt es leider wenig andere Möglichkeiten. Was wir machen, wenn er tatächlich sehr früh sein Abitur macht, das überlegen wir uns genau dann. Es kann nämlich auch gut sein, dass er bis dahin vielleicht doch mal eine Klasse wiederholt oder vielleicht auch gar kein Abitur machen will - was soll ich mir da jetzt schon den Kopf drüber zerbrechen? Wichtig ist, dass es im jetzt und hier gut geht. Ob er in der neuen Klasse nun Freunde findet, mit denen er sich auch nachmittags verabreden wird - ich weiß es nicht. Er hat aber auch außerhalb der Schule viele Freizeitaktivitäten, bei denen er andere Kinder trifft, und wenn er sich mit jemandem gut versteht, werde ich alles daran setzen, ihm das zu ermöglichen. Btw.... bei meinem Bruder was es damals ein Freund aus einer anderen Stadt. Auch da findet sich immer eine Lösung. (Zum Thema "Freunde" werde ich sicher nochmal einen eigenen Blogbeitrag schreiben).

Fazit 

Natürlich ist Alex jetzt nicht einfach in der neuen Klasse und es läuft weiter, wie bisher. Es gibt Stoff aufzuholen, was gar nicht so einfach ist im Alltag. Momentan läuft es eigentlich eher so, dass ich mit ihm Hausaufgaben mache und wir dann, wenn wir eine Lücke feststellen, versuchen, diese zu füllen. 

Was ihm unglaublich schwerfällt, ist es, sich konzentriert an ein Arbeitsblatt zu setzen und es von vorne bis hinten ohne Ablenkung zu lösen. Bisher ist ihm ja auch immer alles leichtgefallen, er hat sich nie anstrengen müssen. Diese Anstrengungsbereitschaft, die es nun braucht, fällt aber nicht einfach vom Himmel und daran werden wir noch intensiv arbeiten müssen. Das wirkt sich natürlich z.B. auch auf die Arbeiten in der Schule aus. Aufgaben, die er eigentlich alle kann, bearbeitet er in einem derartigen Schneckentempo, dass er einfach nicht rechzeitig fertig wird. Leider gibt es auch hier wieder sich endlos wiederholende Aufgaben, wie zum Beispiel das Nachschlagen von Wörtern im Wörterbuch. Er hat das Prinzip verstanden, kann gut buchstabieren und dem Alphabet nach sortieren und suchen, sieht es aber nicht ein, das seitenweise immer und immer wieder machen zu müssen. Denn das Prinzip "Übung macht den Meister!", das hat er (noch?) nicht wirklich verinnerlicht. ;-)

Die Lehrerin macht sich Sorgen, dass er nicht rechtzeitig in Fahrt kommt und sich bei den im November anstehenden Empfehlungen für die weiterführenden Schulen auswirkt. Ich finde aber, bis November ist noch viel Zeit und möchte mir da gerade keine Sorgen drum machen. Wir bleiben dran, sind gut vernetzt und beraten und lassen uns jetzt einfach erstmal nicht verrückt machen!