muckich.

Wochenende. Wochenende?

von Mama
am 01.11.2017 14:48

Heiligabend fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag. Doof für alle, die gern auf den letzten Drücker etwas einkaufen wollen. Aber auch doof für die Läden, denen genau dieses Geschäft damit entgeht. 
Nun ist es erlaubt, an Tagen, an denen Heiligabend auf einen Sonntag fällt, bis maximal 14 Uhr zu öffnen. In NRW ist das derzeit sehr umstritten. Auf Facebook kursieren viele Bildchen (besonders von Sprüche-Seiten), deren Aussage es ist, dass man das verbieten solle. Die Mitarbeiter hätten auch ein Recht darauf, Weihnachten bei ihrer Familie zu sein.

Nun, ich sehe es etwas differenzierter. Vielleicht auch, weil ich inzwischen seit über 20 Jahren selbst an Wochenenden arbeite. 

Ich frage mich, ob die betreffenden Personen das nicht einfach selbst entscheiden können?

Diese Diskussion flammt in letzter Zeit immer wieder auf, da die Gewerkschaft ver.di ja fleißig geplante verkaufsoffene Sonntage verbieten lässt. Aber spricht sie damit wirklich im Sinne aller Angestellten? Es gibt nämlich durchaus Angestellte im Einzelhandel, die dieses zusätzliche Geld ganz gut gebrauchen können. Die für einen dienstfreien Tag unter der Woche gern ausnahmsweise mal an einem Sonntag einspringen. Die vielleicht gar keine Familie haben, die auf sie wartet und froh um etwas Ablenkung sind. Immer vorausgesetzt natürlich, es wird niemand dazu gezwungen, der es nicht möchte und es muss ordentlich entlohnt werden. Warum zerbrechen sich so viele Leute den Kopf der anderen?

Abgesehen davon: Die selben Leute, die also dieses auf Facebook fordern, gehen dann vielleicht mit ihrer Familie an den Weihnachtstagen essen - in ein Restaurant. Hat die dortigen Service-Mitarbeiter mal einer gefragt, ob sie vielleicht lieber gerade bei ihrer Familie wären? Oder man besucht die Teile der Familie, die weiter weg wohnen. Schnell auf dem Weg noch tanken ist so selbstverständlich - hat den Pächter der Tankstelle oder seine Mitarbeiter mal jemand gefragt, ob er lieber bei seiner Familie zu Hause wäre?

Und natürlich die Pflegenden... die Krankenhäuser sind um die Feiertage oft überdurchschnittlich voll mit PatientInnen, die sonst zu Hause gepflegt werden. Ein Schelm, wer böses dabei denkt (oh doch, diesen Gedanken erlaube ich mir kurz: wie kann es sein, dass oft genau an Weihnachten alte und kranke Menschen exsikkiert (das bedeutet, austrocknet) aufgenommen werden? Keine Zeit für die Angehörigen, weil der Weihnachtsbraten in den Ofen muss?). Hat die Krankenschwestern und -pfleger oder die Ärzte mal einer gefragt, ob sie lieber bei ihrer Familie zu Hause wären? Und jetzt kommt mir nicht mit dem Argument, das wisse man doch, wenn man diesen Beruf ergreift. Das macht es nämlich kein Stück leichter. Natürlich muss in Krankenhäusern und Altenheimen auch am Wochenende gearbeitet werden. Nicht nur an Heiligabend, sondern das ganze Jahr. Wer steht aber für uns auf und für uns ein? Wir selber haben nämlich kaum Zeit dafür.

Wie könnte man mit dem Problem umgehen? Ein Anfang wäre z.B., ausreichend Personal einzustellen - dann müsste man vielleicht nicht einmal jedes zweite Wochenende (das ist die Regel. Wenn jemand krank wird, gerne auch häufiger) arbeiten, sondern nur noch einmal im Monat. Dann würde sich auch der Dienst an Weihnachten und anderen Feiertagen auf mehrere Schultern verteilen. Das wäre ja ein Traum! Leider nur eine Illusion....

Fakt ist, dass Dienstleistung jedweder Art einfach viel zu schlecht bezahlt wird. 

Egal ob an der Kasse im Supermarkt, im OP oder in der Gastronomie. Warum ist das so? Wer ist denn bereit, dafür mehr Geld hinzulegen? Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, an Heiligabend, wenn ich dann unbedingt noch einkaufen gehen muss, einen Feiertagszuschlag zu zahlen (ähnlich dem Nachtzuschlag in Apotheken). Ich gehöre selbst zu den Leuten, denen es häufig passiert, doch noch etwas vergessen zu haben und bin dann dankbar dafür, das noch nachholen zu können. Ich bin aber auch bereit, das dann auch ensprechend zu bezahlen und anzuerkennen. Das geht aber nicht überein mit der Mentalität, alles immer noch billiger haben zu wollen. Das ist übrigens das gleiche Thema, wenn man keine Massentierhaltung oder Gammelfleisch möchte, aber das Hähnchen nur 1.99 EUR kosten darf... aber ich schweife ab.

Meine Meinung zu geöffneten Läden an Heiligabenden, die auf einen Sonntag fallen ist: Der Arbeitgeber sollte seine Mitarbeiter fragen, ob sie dazu bereit sind. Finden sich genug, wird geöffnet. Finden sich nicht genug, bleibt geschlossen. Denen, die arbeiten kommen, darf gerne noch ein Bonus gezahlt werden. Und man darf sich gerne auch mal bei ihnen bedanken und das nicht immer als selbstverständlich voraussetzen. 

Genau so freut sich auch eine Krankenschwester übrigens über Anerkennung und ein "Danke, dass Sie da sind!". Jedenfalls mehr, als "Also ich könnte das ja nicht!". Wenn ihr es nicht könnt, dann solltet ihr euch erst recht dafür einsetzen - denn jeder ist irgendwann mal auf uns angewiesen.
Ich würde mich freuen, wenn auch für diesen Berufsstand mal ein Aufschrei kursieren würde. Seit Monaten, ach, Jahren versuchen Pflegende darauf aufmerksam zu machen, dass es so nicht weiterläuft. Immer mehr engagierte PflegerInnen kehren dem Beruf den Rücken, weil die Arbeitsumstände nicht mehr tragbar und erst recht nicht mit einem Familienleben vereinbar sind. Dabei gibt es umgekehrt auch viele KollegInnen, die gerne am Wochenende arbeiten - mich eingeschlossen. Dann muss man keine externen Babysitter für die Kinder organisieren z.B. Nicht zuletzt sind auch die Sonn- und Feiertagszuschläge ein plausibler Grund. Die sollen aber alle paar Jahre abgeschafft oder mit Steuern belegt werden. Nein, umgekehrt muss überlegt werden - die Arbeit attraktiver zu machen, durch bessere Bezahlung und flexiblere Arbeitszeiten!

Schön also, wenn ihr euch dafür einsetzt, dass Arbeitsbedingungen sich verbessern. Sowohl im Einzelhandel, als auch in allen anderen dienstleistenden Berufen.

Ich fürchte nur, dass es nicht reicht, dazu auf Facebook ein paar Bildchen zu teilen. 

[Fotos:pixaybay.com]